VERNUNFT ODER MENSCHLICHKEIT?

Proposition: Menschen können ihr ganzes Leben vollbringen, ohne jemals selbst und bewusst eine vernünftige Entscheidung zu treffen. Ist dies möglich? Durchaus, wenn andere sich um sie kümmern. Dieser Schluss aber verlangt eine Selektion: Wer zählt zu den „Unvernünftigen“, wer zu den anderen. Diese Entscheidung wird durch eine weitere, dritte Gruppe gefällt. Die “Logik der kollektiven Handlung“ und Dynamik einer modernen Gesellschaft erweist, dass diese dritte Gruppe die Funktionen der beiden anderen weitgehend bestimmt. Akzeptanz einer ungleichmäßigen Anwendung der Gabe der Vernunft alleine führt demnach schon in eine Klassengesellschaft. Ist also ist die Vernunft nicht Vorbedingung für die persönliche Emazipation? Diese verblüffende Frage verlangt nach einer Untersuchung des Stellenwertes der Vernunft.

Die oben angebotene Proposition besagt, dass die Vernunft in dem Maße aus einer Gesellschaft verschwindet, in dem die Entität der Allgemeinheit (durch den Staat) die Verantwortung und Angelegenheiten ihrer einzelnen Mitglieder übernimmt. Alleine in der Wildnis können den Einzelnen seine Gefühle nicht retten, im Gegenteil, beschleunigen sie seine Vernichtung. Die wenigen von der Evolution zurückgebliebenen Instinkte reichen nicht aus – sämtliche erlernten Fähigkeiten müssen nun ganz der Vernunft unterstellt werden um zu Überleben. Und dennoch, besagt nicht das Postulat der neuen Menschlichkeit, dass eben dieses Primat der Vernunft – welches unser Überleben in der Natur erst erst ermöglichte – die Harmonie und Gerechtigkeit einer modernen Gesellschaft beschränkt?

Der Mensch wird mit der Anlage zur Vernunft geboren. Sie ist der Ursprung, die Vor- Vorbedingung für sein produktives, körperliches und geistiges Schaffen. Mit der Vernunft bildet er sich, sammelt Wissen und Erkenntnisse und verarbeitet das Aufgenommene.
Die Fakultät der Logik löst Gleichungen, erstellt Formeln und berechnet das Universum – sie verhindert aber nicht, dass ein genialer Wissenschaftler seiner 16 jährigen Tochter die Autoschlüssel verleiht. Die Vernunft verlangt außerdem, dass Entscheidungen und Handlungen auf Axiomen beruhen, welche als Zielsetzung den höchst-erreichbaren Standard der eigenen potentiellen Fähigkeiten und Talente fordern. (Aristoteles: Erst Zielsetzung befähigt ethisches Handeln.)

Jede Person lebt mit einem eigenen, bestimmten Verhältnis von Realitätsempfinden, Vernunft, und Emotionen. Die Gefühle sind das Gegenteil zur Vernunft, das Yin zum Yang, das Bewusstlose zum Bewusstsein. Manipulation, Lügen, Propaganda und Unterdrückung haben nur einen Todfeind: die Vernunft. Die Waffen der Gegner geistiger Selbstständigkeit, Eigenverantwortung und Freiheit – der Souveränität des Individuums – sind die Emotionen. Diese sind die Domäne der Mystiker, Theologen, Gläubigen, Altruisten und Demagogen.

Die Vernunft ist eine Einzelleistung, hingegen lassen sich Gefühle übertragen. Beispiele für Massenhysterie, ausgelöst durch Emotionen gibt es unzählige. Kommunale Vernunftausbrüche sind nicht bekannt, weder in Fußballstadien, noch auf Schlachtfeldern.
Hat die pazifistische Ideologie je einen Krieg verhindert? Wohl eher die Vernunft. An sie lässt sich nicht appellieren, ist sie erst einmal suspendiert, entscheiden die Emotionen. In persönlichen rhetorischen Duellen erzielen Gefühlsbegründungen kaum Wirkung gegen Argumente der Vernunft; in der Masse hingegen, erringen sie oft die Herrschaft über den Verstand (Le Bon, „Psychologie der Massen“). Nach Auflösung der Hegel’schen Philosophie gelang dem Marxismus die größte Emanzipation des 19. Jahrh., in dem er die Vernunft der Massen erweckte – um wenig später von den beiden irrationalsten Ideologien der Geschichte, Faschismus und Kommunismus, wieder erstickt zu werden. Die Resultate einer unterdrückten Vernunft und von Emotionen beherrschten Gesellschaften sieht man heute in den islamistischen Ideologien. Es sollte erkennbar sein, dass die Vernunft jeder staatlichen Macht im Wege steht.

Für seinen Erfolg braucht der Vernünftige keine geistige Führung und genau diese Selbstständigkeit ist es, die den Zorn und Unmut der Machthungrigen herausfordert. Nur dem der etwas zu bieten hat, wird man folgen. Also muss man die Menschen verunsichern um ihnen Sicherheit zu bieten, muss ihre Chancen herabsetzen um sie danach aus dem sozialen Topf zu versorgen. Damit das Unvernünftige akzeptable wird, muss es begrifflich saniert werden. Als „gut“, „gerecht“ oder „menschlich“ erreicht es leicht die emotionellen Rezeptoren der Gesellschaft. Hindernisse gibt es kaum, wo der Staat schon die Details des Lebens regelt bis in die private Sphären und sich auf eine Bürgerschaft verlassen kann, die schon fast gänzlich durch Gefühle gesteuert wird. Die geistige Rationalisierung gibt palliativen Schutz vor einer rebellierenden Vernunft. Rationalisierung ist ein Prozess der nachträglichen Rechtfertigung eines aus irrationalen oder triebhaften Motiven erwachsenen Verhaltens (Duden).

Der Begriff „Menschlichkeit“ birgt keinerlei Werte und entzieht sich einer universellen Definition. Er enthält sogar die Antithese seiner bevorzugten Bedeutung. Neid, Hass, Eifersucht und Gier sind ebenso alles ur-menschliche Attribute und damit Bestandteil des selben Wortes (siehe Carl Schmitt Zitat über die Werte). So wurde es zu einer weitläufigen – intensiv propagierten – Idee, dass nur Gefühle, nicht die Vernunft, globales Leiden und Elend lindern oder gar beseitigen könnten; ausgedrückt durch Handlungen des Mitleids, der Güte, Würde und Gerechtigkeit. Jedoch nach welchen Standards? Wer bestimmt wem was zuteil wird, und zu welchem Grade? Wer wird zuerst bedient? Wo wird zuerst geholfen? Folgt man der höchsten Opferzahl, den grausamsten Bildern, abgemagerten Kindern, sterbenden Müttern, verletzten Soldaten – oder einfach dem größten Medienzirkus? Braucht man für diese Entscheidung etwa wieder die verdammte Vernunft?
Kausalität, nicht Pflicht, dient als Leitprinzip zur Abwägung von Entscheidungen, nach den Prinzipien der rationalen Ethik.

Bemerkenswert ist jedenfalls ein zunehmender willkürlicher Synkretismus, die Abwesenheit einer philosophischen Linie, oder gar Verleugnung rationaler Axiome. Dem vermeintlich engagierten Bürger scheint es zu genügen, auf irgend einer populären, “guten” Platform zu stehen – irrespektive wie dieser Standpunkt sich in den Rest seiner Sicht- und Handlungsweisen fügt.

Gefühle sind aber willkürliche Emotionen und keine Werkzeuge der Erkenntnis. Dennoch werden sie gerne benutzt um irrationale Handlungen verstandesgemäß zu verschleiern. Sophismus erscheint nur vernünftig, wenn er auf falsche Prämissen gestellt wird. Von Theologen hört man oft die pragmatistische Position, es sei „vernünftig zu glauben“. Dies ergäbe nur einen logischen Sinn, wenn man dem Glauben die Eigenschaft einer realen Konstante oder Gewissheit zuordnen könnte. Genauso ließe sich behaupten, dass Lüge das Tor zur Wahrheit sei. Treiben wir unter dem Vorwand dieser „Menschlichkeit“ nicht Schindluder mit unserer Handlungsfähigkeit und beschneiden damit Möglichkeiten für echte gesellschaftliche Fortschritte? Man denke weiterhin an dieses oft gepriesene contradictio in adiecto eines „vernünftigen Kompromisses“. Eine Entscheidung ist entweder vernünftig, oder nicht. So sind Kompromisse eher Resultate von intrinsischen Schwächen der Vorschläge oder Pragmatismus. Sie mögen aus der Inkompetenz des Autors resultieren, mit der Absicht die Verantwortung zu verteilen – in allen Fällen aber schaden sie der ursprünglichen Idee.

Mitverantwortlich dafür sind alle diejenigen, die sich aus Selbstherrlichkeit, Ignoranz oder Langeweile an der Verleugnung der Realität beteiligen. Esoteriker, Pseudo-Philosophen oder sogenannte „Bürger mit Durchblick“ kämpfen heute gegen den „Unverstand der kaltherzigen und egoistischen Vernunft“(!) Sie sind die Wegbereiter der Rattenfänger und Begriffsverschleierer, die ein vielschichtiges politisches Problem auf einen ideologischen Nenner bringen und mit hämischen Wortschöpfungen ihre Gegner ins rhetorische Asyl sperren (Stichwort: „Putin-Versteher“).
Dazu gehört es, die Axiome der Existenz, Wahrheit und Gewissheit, das Gesetz der Identität und die Vernunft selbst mit allen möglichen geistigen Verrenkungen in Frage zu stellen, oder gar zu neutralisieren. Dabei verweigern sie sich jeglicher Bezüge, inklusive ihrer eigenen verstandlichen Basis und schweben sozusagen im begrifflichen Nichts.

Wenn eine Theorie nicht die Fähigkeit zur Realität besitzt, nach welchem Standard kann man sie dann als gut oder gültig bezeichnen? Und wenn Realität nichts mit Logik zu tun hat, durch welchen Prozess hat man dies wohl entdeckt? Existenz ist ein realer Begriff und die Realität ist ein objektives Absolut, unabhängig der Gefühle, Wünsche, Hoffnungen und Ängste des Wahrnehmenden.

Der geniale Arbeiter-Philosoph und Autodidakt Josef Dietzgen schrieb in seinem, heute leider unbeachteten Werk „Das Wesen der menschlichen Kopfarbeit“, 1903:

„Wenn die herrschende Anschauung irgendeine Handlungsweise allgemein vernünftig oder unvernünftig heißt und dann im Leben auf Widerspruch stößt, glaubt sie sich die Arbeit der Erkenntnis sparen zu können, indem sie dem Gegner das Bürgerrecht in der sittlichen Weltordnung abspricht. Statt sich durch das Dasein widersprüchlicher Instanzen von der beschränkten Gültigkeit der Regel zu überzeugen, erkauft man dieser, durch Außerachtsetzung des Widerspruchs eine wohlfeile Absolutheit.“ (Kap. V, 1. Teil).

Die Vernunft unterscheidet den Mensch vom Tier. Wem es an Vernunft mangelt, mangelt es auch Menschlichkeit.

Ref:
1. Die Psychologie der Massen, Le Bon, 1912
2. The Logic of Collective Action, Mancur Olson, 1965
3. Ludwig Feuerbach und der Ausgang der
klassischen deutschen Philosophie, F. Engels, 1946
4. Die Tyrannei der Werte, Carl Schmitt, 1979
5. Philosophy: Who needs it, Ayn Rand, 1982
6. The Theory of Social and Economic Organization,
Max Weber1947
7. Das Wesen der menschlichen Kopfarbeit, Josef
Dietzgen, 1908


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