Die Qual der Wahl

Freie Auswahl aus einer Vielzahl von Möglichkeiten zu haben, empfinde ich persönlich als äußerst angenehm. Aufgrund meines Wissens und meiner Ausbildung sehe ich mich in der Lage, auch komplexe Zusammenhänge zu erkennen und trotzdem gute Entscheidungen zu treffen. Aber ticken alle Menschen so?

Libertäre treten für die Freiheit des Menschen und das Recht auf ein selbstbestimmtes Leben ein, das seine Grenzen nur an der Freiheit der Anderen findet, denen keinen Schaden entstehen soll. Daraus resultiert aber auch eine (fast) uneingeschränkte Entscheidungsvielfalt, um nicht zu sagen: Beliebigkeit.

Nun haben aber im Leben Entscheidungen unterschiedliche Komplexitätsgrade und Häufigkeiten. Es gibt einfache Entscheidungen, die wir häufig treffen, z.B., was wir essen wollen z.B. ob nun ein Vanille- oder Erdbeereis. Das ist aber gleichzeitig auch eine Entscheidung gegen einen Apfel, den wir stattdessen liegenlassen. Die Entscheidung fällt nicht nur rein rational (Was ist gesund für mich? Welche Kosten?), sondern auch emotional (Süßer Zucker gegen sauren Biß). Selbst diese einfache und häufige Entscheidung zum Essen ist nicht ganz trivial, wie man am wachsenden Gewichtsdurchschnitt der Bevölkerung ablesen kann.

Es gibt aber auch Entscheidungen, die selten getroffen werden müssen und bei denen man keine Erfahrung über die Auswirkung hat, also keinen persönlichen Lernvorgang hinter sich hat. Trifft man dann noch auf eine große Auswahl, hebt das nicht bei jedem Menschen die Entscheidungsfreude. Nur wenige Menschen haben hier in Aktien investiert (obwohl es die rentabelste Anlage z.Z. ist), was mit mangelnder Erfahrung und der Vielfältigkeit der Anlagemöglichkeiten erklärbar ist.

In Deutschland sind die Menschen gewohnt, daß ihnen Entscheidungen abgenommen werden. So ist ein Angestellter in der gesetzlichen Krankenkasse einfach zwangsversichert und hat dort nur wenig Auswahl bei nahezu identischen Leistungen und Kosten. Weil wir alle sterblich sind, liegt die Wahrscheinlichkeit, daß ein Mensch erkrankt oder verletzt wird und deshalb Hilfe benötigt, bei 100%. Es ist ferner mit unserer humanitären Auffassung nicht vereinbar, einem kranken oder verletzten Menschen keine Hilfe angedeihen zu lassen. Daher kann man in unserer Gesellschaft einer Entscheidung über eine Krankenversicherung nicht aus dem Weg gehen.

Stellen wir uns vor, der gleiche Angestellte könnte völlig frei entscheiden zwischen unterschiedlichen Leistungspaketen zu unterschiedlichen Preisen oder gar, ob er sich überhaupt versichern möchte.

Es gibt Menschen, die das gut finden – und das sind in der Regel Libertäre. Es gibt Menschen, die das entscheiden können, aber denen das einfach zu lästig ist. Und es gibt Menschen, die sind mental nicht in der Lage, solch eine für sie existentielle Aufgabe zu erfüllen.

Die Antwort der Libertären, gebt den Menschen so viele Optionen wie möglich und laßt sie sich für diejenige entscheiden, die ihnen am besten gefällt, spricht nur einen Teil der Menschen an. Eine Vielzahl von Menschen (gerade, wenn sie das Entscheiden verlernt haben) brauchen einen Schubs, um eine Entscheidung zu treffen (z.B. eine Aufforderung, sich in dieser Sache zu erklären). Und die dritte Gruppe, die ich oben angesprochen habe, braucht eine default-Entscheidung, also eine Vorgabe, die in Kraft tritt, wenn keine Entscheidung getroffen wird.

Diesen Aufbau nennt man Entscheidungsarchitektur. In diesem Fall wäre auf der obersten Ebene die frei gewählte Entscheidung. Bei Fehlen dieser geht es zur zweiten Ebene für die Entscheidungsfaulen, die eine Auswahlliste bekommen; und als letzte Ebene kommt für die Entscheidungsunmündigen die Standardvorgabe.

In einer solchen Architektur hätte der Entscheidungsfreudige alle Freiheiten, aber für die Anderen gäbe es die Sicherheit, daß sie nicht vergessen werden. Ich weiß, daß die reinen Libertären solch ein Vorgehen ablehnen, aber ich weiß auch, daß man als Partei alle Menschen im Blickfeld behalten muß.

Menschen denken in zwei unterschiedlichen Weisen: auf intuitiv-automatische und auf reflektierend-rationale Weise. Das automatische System ist unkontrolliert, mühelos, assoziierend, schnell, unbewußt, erlernt und spricht den intuitiven Teil in uns an. Das reflektierende System ist kontrolliert, angestrengt, deduzierend, langsam, bewußt, regelgeleitet und entspricht unserem rationalen Denken.

Entscheidungen treffen Menschen je nach persönlicher Entwicklung entweder mehr intuitiv oder mehr reflektierend. Der Liberalismus bietet aber nur Lösungen für den reflektierenden Menschen an. Das bedeutet, daß die mehr intuitiv denkenden Menschen völlig außen vor gelassen werden. Aus Angst vor Entscheidungen werden oft gar keine getroffen. Für solche Situationen sollte es Hilfestellungen, ein „Leben zwischen Banden“, eine „guided lifeline“ geben.

Wie könnten libertäre Hilfestellungen aussehen, ohne daß sie in Bevormundungen ausarten? In dem Buch „Nudge“ von R.H. Thaler/ C.R. Sunstein[1] beschreiben die Autoren den libertären Paternalismus, bei dem kleine Schübse („nudge“) in der Entscheidungsarchitektur Menschen zu objektiv besseren Entscheidungen verhelfen, ohne sie in ihrer Entscheidungsfreiheit einzuschränken. Es handelt sich um Entscheidungen, die höherem Schwierigkeitsgrad unterliegen, besonders wenn man sie nur selten zu treffen hat, bei denen man kein vernünftiges Feedback bekommt, die sofort einen Nutzen, aber erst später die Kosten haben und solche, bei denen man aus eigenen mangelndem Wissen sich gar nicht vorstellen kann, was einen erwartet. Ein nudge muß transparent sein, die Entscheidungsarchitektur darf nicht behindern.

„Dosis facit venenum.“ [„Die Dosis macht das Gift.“] schrieb schon Paracelsus. Der Schritt vom weichen, libertären Paternalismus zur harten, durch Gesetze und Verordnungen bestimmten Bevormundung ist nur ein gradueller und die Befürchtung, das dieser Schritt getan wird, wenn erst der Anfang gebahnt ist, ist meiner Meinung der wichtigste Einwand gegen niedliche Schübse.

Auf der anderen Seite ist es ein Ansatz, darüber nachzudenken, wie man Menschen Angst vor dem Liberalismus nehmen könnte. Und diese Angst ist gewaltig, emotional und nicht leicht rational wegdiskutierbar.

Denn eines ist klar: Liberalismus ist eine permanente Zumutung. Er fordert eigenverantwortliches Handeln und bietet maximale Freiheit. Und diese Freiheit muß ertragen werden. Das kann nicht jeder!

 

[1] ISBN 978-3-548-37366-9
Bildquelle: Pixabay.com

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4 Kommentare

  • Antworten Oktober 20, 2014

    Gottfried

    Wer wirklich libertär denkt, wird auch wissen, dass er sich selber um „soziale Belange“ kümmern muss.
    Die heute nach Solidarität schreien und nur meinen, dass Andere dafür zahlen sollen (und ggf. selber von solchen Zahlungen leben … also inzwischen ein Großteil der Menschen in Deutschland und Europa), werden kaum ihr eigenes Hab und Gut für ihren Nächsten einsetzen, da stimm ich Ihnen zu…. Würde mich dennoch tierisch freuen mal zu sehen was passiert, wenn Die sich selber kümmern müssten.
    Nichts liegt mir ferner, als den wirklich Bedürftigen die Hilfe zu verweigern. Bin nur das ganze falsche Sozialgequatsche der auf Kosten Anderer lebender Gutmenschen leid.
    Mein Einwand entstand aus der Befürchtung, Sie könnten das eigentliche Ziel, nämlich wirkliche Freiheit, opfern wollen.
    Parteipolitisch ist Ihr Vorschlag, das „Sozial“system mit freiheitlichen Gedanken zu „infizieren“, um dann Schritt für Schritt weiter Richtung Liberalismus zu kommen ein Guter (Die Taktik hat schließlich bei der Gegenseite über Jahrzehnte auch hervorragend funktioniert). So gesehen ist Ihr o.g. Vorschlag (Sozialversicherungspflicht als Rahmen, darin dann allerdings Entscheidungsfreiheit für den, der sich frei entscheiden will) in der momentanen Politiklandschaft schon recht mutig. Wahrscheinlich werden Sie auch mit so einem Vorschlag noch als asoziales A…loch bezeichnet werden (hab´s schon probiert…. ;).

    Insofern wünsch ich Ihnen, Ihren (und meinen) Zielen und der PDV viel Erfolg auf dem langen Weg.

  • Antworten Oktober 20, 2014

    FDominicus

    @Kappmann. Also lassen Sie es mich umformulieren, weil einige nicht entscheiden wolllen/müssen/können dürfen das „weise“ Menschen für alle tun? Und die Legitimation erhalten sie durch?

    Nicht entscheiden „wollen“ ist ein Luxusproblem. Und Sie wollen dieses Luxusproblem behalten.

  • Antworten Oktober 19, 2014

    Tilman Kappe

    He ain´t heavy – he´s my brother! Genau da liegt der Knackpunkt: Was ist, wenn der Betreffende nicht mehr jemand anderen´s Bruder sein möchte? Wenn es mehr egozentrische als altruistische Menschen gibt?

    Ich möchte nicht die Entscheidungsfreiheit der Entscheidungsfreudigen einschränken: die sollen genau das Leben führen, was sie möchten – oder um es mit Ihren Worten zu sagen: ein menschwürdiges Leben führen ohne zu Glück gezwungen zu werden. Völlig d´accord!

    Mir geht es um die Gruppe der EntscheidungsFAULEN oder EntscheidungsUNMÜNDIGEN. Diese einfach ihrem Schicksal zu überlassen mit dem Gedanken „Irgendwer (Hauptsache, ein anderer!) wird sich schon um die kümmern…“ wirft in Europa jede Partei aus dem Kreis der Ernstzunehmenden. Ich möchte daher auf Lösungen aufmerksam machen, die libertären Grundsätzen genügt (für den speziellen Personenkreis) und damit die Angst vor dem totalen Absturz nimmt.

    Vielleicht ist das auch nur eine Sache der Erziehung: nach 50 Jahren Libertarismus werden es wahrscheinlich alle Menschen gelernt haben, mit Eigenverantwortung umzugehen. Aber heute….???

  • Antworten Oktober 18, 2014

    Gottfried

    Stimmt, Liberalismus ist eine Zu – Mutung. Freiheit ohne Mut geht nicht. Den weniger Mutigen kann man den Mut zusprechen. Gemäß dem Motto „Fürchtet Euch nicht“. Zwingen sollte man niemanden (wer sich nicht kranken-oder – sonst- wie sozial-versichern will, muss das auch nicht!). Sinnvoll ist aber, wenn z.B. karitative Einrichtungen (von mir aus auch ein Rumpf-Staat) Hilfe bei der Auswahl der Versicherungen anbieten (Bei solcher Hilfe zur Selbsthilfe könnte auch ein Libertärer guten Gewissens Spendengelder geben).
    Freiheit ist ein Zustand und daher nicht teilbar … Paracelsus ist daher hier m.E. nicht zitierbar. Ein bisschen Freiheit, in der die „Dummen“ (nicht die geistig Kranken!) zu ihrem Glück gezwungen werden „müssen“ ist aus meiner Sicht menschenunwürdig. Wer mehr Grips hat kann seine Hilfe anbieten … oder poetisch: He ain´t heavy – he´s my brother!

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