Christlicher Kapitalismus – eine Vision?!

Nein, ich habe kein Problem damit, auch unpopuläre Ansichten, Einsichten und Überzeugungen, letztlich Glaubenswahrheiten, der katholischen Kirche zu vertreten.

Unpopulär sind dabei weithin fast alle in der Öffentlichkeit diskutierten Antworten auf Fragen zur Moral: außereheliche Sexualität, Verhütung, Abtreibung, Sterbehilfe und Euthanasie, Umgang mit wiederverheirateten Geschiedenen, Zölibat, daneben auch Antworten auf die Fragen zum Frauenpriestertum, Rolle der Laien in der Kirche … man zeige mir den entsprechenden Absatz aus dem Katechismus der katholischen Kirche und ich werde ihn unterschreiben! Dazu kommen auch Fragen hinsichtlich der Rolle der Kirche an sich: ist die Kirche der „mystische Leib Christi“ und ist diese Kirche in der katholischen Kirche präsent? Ja sicher! Sind dann andere Konfessionen und Religionen Ab- oder zumindest Umwege? Ja, davon bin ich als Katholik im tiefen Respekt vor den Glaubensentscheidungen anderer Menschen fest überzeugt.

Die Kirche – man kann das gar nicht oft genug wiederholen bei schlagzeilenhaften Parolen wie „Kirche verbietet Kondome“, „Kirche verwehrt Vergewaltigungsopfern Abtreibung“ – ist keine Institution, die irgendetwas gesetzlich verbieten könnte. Natürlich, in früheren Zeiten waren weltliche und kirchliche Macht deutlich mehr miteinander verwoben, aber auch dann muss man unterscheiden zwischen weltlichen Entscheidungen kirchlicher Fürsten und Glaubensaussagen (auch wenn der Unterschied nicht immer klar zutage tritt). Die Regierung eines Staates, jedenfalls in unseren demokratischen Verfassungen, erlässt Gesetze und setzt diese im Staatsgebiet durch, notfalls mit Gewalt. Im Gegensatz dazu beschreibt die Kirche in ihren Lehren, wie ein gottgemäßes Leben aussehen sollte, was Inhalte dieses Lebens sind und was nicht. Ihr Orientierungspunkt ist dabei in erster Linie das überlieferte Wort Gottes in der Bibel, erweitert um Traditionen und Lehramt. Nicht gottgemäße Handlungen werden dabei als „Sünde“ bezeichnet, die einen von Gott entfernen und bei denen man auf die Gnade Gottes angewiesen ist (die man bei Reue und Beichte auch sicher erlangt), um zu ihm zurückzukehren. Mitglieder anderer Religionen, selbst anderer Konfessionen teilen dabei nicht jede Auffassung von Sünde, wie sie Katholiken sehen.

Atheisten stellen schon die göttliche Herkunft dieser Regeln in Frage, ganz unabhängig davon, ob sie den moralischen Inhalten folgen (die Zahl derjenigen unter den Atheisten, die Mord für legitim halten, wird wohl ähnlich gering sein wie unter Christen, wobei die Argumentation naturgemäß anders aussehen muss, da man nicht von einer Würde als Gotteskind ausgehen kann). Und so kann sich in einem säkularen Staat, wie es die meisten christlich geprägten Staaten in der Welt zwischenzeitlich wohl sind (mir ist persönlich kein „christlicher Gottesstaat“ bekannt, Grauzone vielleicht der Vatikan, lasse mich aber gerne eines besseren belehren), jeder im Rahmen der staatlichen Gesetze schlicht aussuchen, ob er sich an die Regeln Gottes, wie sie die katholische Kirche lehrt, hält oder nicht. Aber natürlich, auch das darf man nicht verschweigen, die Kirche setzt Leitplanken, tätigt moralische Aussagen, die viele als Orientierungspunkt ihres Lebens nutzen, zumindest ins Kalkül ziehen, wenn sie auch nicht allem folgen. Insofern ist also eine Machtposition in diesem Sinne durchaus vorhanden, wenn auch – wie schon erwähnt – nicht mit Mitteln zur Durchsetzung ausgestattet und wohl auch in den westlichen Staaten mit abnehmendem Einfluss.

Wenn ich also kirchliche Positionen vertrete, dann bewege ich mich damit in einem für mich sicheren Rahmen, kann mein Leben daran orientieren (und bei Scheitern neu ausrichten) und Werbung dafür machen, damit auch andere die Schönheit und Wahrheit des Glaubens erkennen. Niemand muss mir dabei folgen. Im Gegenteil ist bereits in der Bibel beschrieben, dass es gegen die Lehren Gottes Widerstand geben wird (wobei das kein Beweis für die Richtigkeit ist), sodass meine eigene innere Überzeugung ein wesentlicher Faktor ist, ob ich überhaupt Gehör finde oder meine Aussagen doch nur als „Unsinn“ klassifiziert werden (die Wortwahl in Teilen drastischer, aber letztlich ist das gemeint). Mit Überzeugung für Gott eintreten, die frohe Botschaft und damit auch die Lehren der Kirche vertreten, das ist Auftrag und Berufung jedes Katholiken. Oben hatte ich es schon angedeutet: mit Aussagen der Kirche zur Moral habe ich damit kein Problem! Was aber, wenn die Kirche bzw. Vertreter der Kirche sich zu Themen äußern, die außerhalb ihres Horizontes liegen? Was, wenn von Bischöfen, gar dem Papst, Positionen zu Themen vertreten werden, die über den Rahmen des Glaubens und der Moral hinausgehen?

Von Papst Franziskus ist sein Engagement für die Armen in der Welt zwischenzeitlich bekannt und auch weithin anerkannt (von Polemiken hinsichtlich des angeblichen Reichtums der Kirche mal abgesehen). In diesem Zusammenhang äußerte er sich auch gegen einen „entfesselten Kapitalismus“ der einhergehe mit einer „egoistischen Gleichgültigkeit“ und die Menschen „ihrer Würde beraubt“.

Ich selbst orientiere mich hinsichtlich der Wirtschaftslehre am Libertarismus – der Kapitalismus ist für mich die Wirtschaftsform, die der Würde des Menschen am nächsten kommt. Zwang zur Solidarität untergräbt – davon bin ich überzeugt – die christliche Nächstenliebe. Der Staat setzt sich mit seinem gewaltsam durchgesetzten Regeln, insbesondere hinsichtlich Steuern und Abgaben zur Finanzierung des Sozialsystems, an die Stelle des Gewissens und der sozialen Empathie der Menschen und höhlen diese so immer weiter aus. Ich glaube, dass der Papst mit seiner Kritik an der Gleichgültigkeit richtig liegt – aber die Wurzeln dieser Gleichgültigkeit übersieht, die in der staatlichen Bevormundung in einem überbordenden Sozialsystem liegen. Beispielhaft sei das Flüchtlingslager im italienischen Lampedusa erwähnt, bei dessen Besuch der Papst eben von dieser Gleichgültigkeit sprach, der Gleichgültigkeit gegenüber den dort gestrandeten Menschen. Warum ist es der großen Masse der Menschen in Europa fast egal, was dort in Lampedusa geschieht? Meine einfache Antwort: Weil sich doch der Staat darum kümmern soll! Soziale und humanitäre Probleme in den Herkunftsländern – Wozu gibt es Entwicklungshilfe? Militärische Konflikte in Nordafrika, vor denen die Menschen fliehen – Wozu gibt es die Eingreiftruppen der UN? Hygienisch mittelalterliche Zustände in Flüchtlingscamps – Soll der Staat doch Abhilfe schaffen! Gewalt unter Flüchtlingen, die auf engstem Raum zusammen leben müssen – Da muss eben die Polizei einschreiten! Und das ist nur ein, wenn auch prägnantes Beispiel!

Meine These ist libertär:

Die sozialen und wirtschaftlichen Probleme, in einzelnen Ländern und weltweit, sind Folge staatlicher Einmischung und die beste Kur dagegen ist das Zurückdrängen des Staates aus Feldern, die ihn im Grunde nichts angehen. Ein freier Markt dagegen, der den Namen auch verdient, liefert aus sich heraus den stabilen Ordnungsrahmen für jeden, der sich hieran beteiligen will … und zeigt Konsequenzen für diejenigen auf, die sich diesem Rahmen entziehen. Und kommt es doch zu unverschuldeten Notlagen von Menschen durch Krankheit, Unfall oder ähnliches? Dann ist der Mensch, von Gott gut geschaffen, durchaus in der Lage zu Empathie und Mitleid und wird nach Möglichkeiten suchen, dem anderen zu helfen. Nimmt ihm der Staat hingegen diese Aufgabe ab und lässt sich das durch eine Steuer- und Abgabenquote von weit über 50 % finanzieren: Welchen Grund sollte man dann noch für persönliche Hilfe haben?

Christlicher Glaube und Libertarismus, christlicher Glaube und Kapitalismus, passen so fast komplementär zusammen.

Wer heute befürchtet, bei einer auch nur leichten Liberalisierung der Märkte könnte der „soziale Gedanke“ ins Hintertreffen geraten, denkt zu kurz. Natürlich, eine minimale Steuerentlastung für den Mittelstand (man wird ja noch mal träumen dürfen) wird sich nicht direkt in gesteigertem sozialen Engagement widerspiegeln (jedenfalls nicht 1:1 in Spendengeldern), aber eine radikale Abkehr vom „Nanny-Staat“ wird die Notwendigkeit privaten Engagements wieder deutlich machen. Und wie wäre es, wenn ein mittelständischer Unternehmer dann nicht mehr darauf setzt, dass ihn der Staat über sein Bildungssystem mit qualifizierten Auszubildenden beliefert, sondern selbst Aktionen startet um Jugendliche mit Potential bereits früher an sich zu binden und auszubilden? Wie wäre es, wenn ein Unternehmer einen weniger qualifizierten Mitarbeiter nicht einfach entlässt sondern im Hinblick auf die bei einem Minimalstaat zu erwartenden Notlage dieses Mitarbeiters eine alternative Lösung in seinem Unternehmen sucht? Wie wäre es, wenn sich Bürgerinitiativen bilden, die sich für die Versorgung und die Lösung sozialer Notlagen in ihrer Gemeinde kümmern? Und wie wäre es, wenn sich alle daran beteiligen würden, sei es aus christlicher Nächstenliebe oder sei es, weil man befürchten muss, sozial oder geschäftlich ausgegrenzt zu werden, wenn man sich als „gleichgültiger Egoist“ outen sollte?

Aus heutiger Sicht klingt das utopisch, ist aber lediglich eine Vision (jaja, ich kenn das Zitat von Helmut Schmidt zu Visionen) – umsetzbar, wozu es aber Mut braucht.

Mut in erster Linie der Bürger, diesen Minimalstaat einzufordern, den staatlichen Einfluss zurückzudrängen, der sich noch maximal um die innere und äußere Sicherheit bemüht, die marktwirtschaftlich schwer zu organisieren sein wird. Vielleicht gibt es auch noch andere kleinere Bereiche, in denen staatliches zentralistisches Handeln notwendig sein könnte und über Steuern zu finanzieren wäre (im Gegensatz zu den Moralaussagen der Kirche bin ich hinsichtlich des Libertarismus nicht dogmatisch), aber eine Steuerbelastung über 20 % ist nichts anderes als legalisierter Raub, mit der sich der Staat für (oft Schlecht-) Leistungen bezahlen lässt, die privat organisiert viel besser zu erbringen wären.

Als papsttreuer, strunzkatholischer Christ bekenne ich: das ist ganz offensichtlich nicht Lehrmeinung der Kirche, nicht mal common sense unter Theologen, Kirchenvertretern oder Gläubigen. Der Grund dafür liegt aber nicht darin, dass die Position nicht christlich wäre (der Christ ist, wie ich oben dargestellt habe, eigentlich der geborene Libertäre), sondern dass vielen einfach der Einblick in wirtschaftliche Zusammenhänge fehlt, und den meisten – da nehme ich den Papst ausdrücklich aus – auch der christliche Glaube daran, dass der Mensch im Grunde gut ist und sich im Kapitalismus nicht zum befürchteten gleichgültigen Egoisten entwickelt.

Ich wage mal eine steile Prognose:

Das Pontifikat Benedikt XVI. hatte seinen Schwerpunkt in der Festigung der Glaubensgrundlagen: das von ihm ausgerufene „Jahr des Glaubens“ ist ein Beispiel dafür. Als Schwerpunkt des Pontifikats von Papst Franziskus bildet sich mehr und mehr die Evangelisierung, die Verbreitung der frohen Botschaft sowohl für Menschen, die Gott nicht kennen, als auch – Stichwort „Neuevangelisierung“ – für Menschen, die sich von Gott wieder entfernt haben, heraus. Ein aus beidem (sicher nicht kurz-, aber doch langfristig) resultierender breiter gesellschaftlicher Konsens über Gott, Glauben, Moral, Gewissen, Verantwortung etc. wird dann die „spirituellen“ Grundlagen für eine wirklich freie Marktwirtschaft geliefert haben, vor der niemand Angst haben muss. Vermutlich ist letzteres – Gerechtigkeit über Freiheit und Glauben zu erlangen – dann Themenschwerpunkt eines späteren Papstes, der neben Theologie auch über Wirtschaftswissenschaften mit dem Schwerpunkt „Österreichische Schule der Nationalökonomie“ promoviert haben wird. Die „Mühlen des Glaubens“ mahlen meist langsam, manchmal aber auch überraschend schnell – daher hoffe ich, das noch erleben zu können!

 

Bildquelle: Hans Heindl / pixelio.de

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