Wider die Marktwirtschaft III: Leidige Zinsen

„Ich will dem Schicksal in den Rachen greifen, ganz niederbeugen soll es mich gewiss nicht.“

Jetzt haben Draghi und Kumpanen also doch den ganz großen Coup gelandet. Der vorgegebene Leitzins liegt nun bei 0,15 Prozent und der EZB-Einlagenzins bei negativen 0,1 Prozent. Es ist wahrhaftig nichts Neues mehr, dass einige Zentralplaner glauben, ein korrektes Zinsniveau für einen noch völlig divergenten Währungsraum mit über 300 Millionen Wirtschaftsteilnehmern diktieren zu können. Was sich nun jedoch grundlegend geändert hat, ist die Interpretation des Zinses an sich.

In einer Welt jenseits der Metaphysik unserer Finanzkonstrukte herrschte im Geiste die heutzutage eher altmodische Ansicht, dass ein Individuum nur das besitzen und verleihen kann, was vorher erwirtschaftet wurde und real existiert. Nun verleiht aber niemand seine Ersparnisse, ohne dass er selbst davon zu profitieren gedenkt. Läge der Gewinn nur darin, nach einiger Zeit keinen Verlust beklagen zu müssen, könnte man sein Geld auch gleich behalten.
Eine geforderte Anteilhabe an einem durch den Schuldner hoffentlich generierten Mehrwert liegt daher auf der Hand, wenn die Investition doch auch verloren gehen kann und man selbst während der Laufzeit des Kredits selbst nicht auf den Betrag zurückgreifen kann. Je höher dabei das Risiko der Investition lag, desto höhere Zinsen wurden verlangt. So war es dann auch nicht unüblich, dass sich Bankiers oder deren Angestellten selbst vom vorhandenen Wert eines Bauernhofes oder einer Firma vor Ort überzeugen ließen.

Das sieht heute anders aus. In unserer modernen Welt gewinnt die Bank bei der Kreditvergabe sowieso (fast) immer. Die Tatsache, dass Banken ihre verliehenen Gelder nicht mehr vom Markt aus beziehen, sondern selbst ohne großen Aufwand im Computer erzeugen, lässt den tatsächlichen Wertverlust eines ausgefallenen Kredites zwar nicht auf null fallen, aber doch ziemlich minimieren. Und die auf heutigem Wege eingezogenen Sicherheiten sind zwar nicht immer nützlich, aber trotzdem besser als nichts.

Die Sache geht natürlich auch umgekehrt: Wir gewähren der Bank Kredit. Jedes Girokonto ist ein Darlehen an die jeweilige Bank in Form von Zentralbankgeld. Das bleibt nicht in der Bank liegen, wie das fast jeder denkt. Das ist die Grundlage für neue Kredite, den Interbankenmarkt (der seit 2008 nicht mehr recht rund läuft) oder Geschäfte mit der Zentralbank. Die Eigenschaft eines jeden Kredites ist, dass er, aus welchen Gründen auch immer, ausfallen kann. Auch wenn jede Bank dem Kunden einräumt, dass er sein Geld jederzeit zurückverlangen kann, ist vor dem Hintergrund des Teilreservebanksystems klar, dass die Rechnung im Ernstfall nicht aufgeht.
Aber – der Kunde kriegt seine ziemlich kläglichen Zinsen und fragt erst gar nicht weiter, warum nicht er für eine Dienstleistung bezahlt, sondern die Bank ihn. Analog dazu sind schließlich Gebühren fällig, sollte er in der Bank einen Tresor oder Schließfächer mieten. Das liegt schließlich daran, dass hier die Bank (noch) keinen Zugriff darauf hat. Bei einem Festgeldkonto sieht das jedoch anders aus. Gemeinerweise kann sich auch niemand aussuchen, ob seine Bank mit dem anvertrauten Geld spekulieren darf oder es nur verwahren soll, sodass da kaum einer weiß, wie die Bank überhaupt arbeitet.

Jetzt will die EZB dieses System jedoch mit Negativzinsen umgestalten. Auf die anfangs beschriebene Situation angewendet, offenbart es den Irrsinn, der dahinter steckt: Wer Geld besitzt oder es verleiht, wird bestraft. Der Sparer wäre ein Narr, würde er dort freiwillig mitmachen. Heute hingegen sieht das wieder anders aus. Ist das System grundlegend krank, erscheinen solche Maßnahmen hingegen wieder normal.
Solange die Banken zumindest nicht so dämlich sind, offiziell Negativzinsen auf ihre Konten zu verlangen, wird erstmal nicht viel passieren und die Zinssenkung symbolischer Natur bleiben. Die eigenen Strafzinsen für Geld auf der Zentralbank könnten Banken schließlich umgehen, indem sie es als Bargeld im Haus einlagern. Ja, die Kredite werden auf diese Weise ausgeweitet, was vermutlich wieder erst nur Finanzprodukten zu Gute kommt. Jedoch zeigte sich die Realwirtschaft in der Vergangenheit kaum davon beeindruckt, dass die Zinsen für italienische oder griechische Staatsanleihen gesunken sind.

Aber da stehen die Planer mit dem Rücken zur Wand und es wird wieder versucht, auf Zeit zu spielen. Das Schneeballsystem würde in sich zusammenfallen, sollte der politische Wille fehlen, die Geldmengen weiter zu erhöhen, um noch etwas Wirtschaftswachstum zu erzeugen. Verpasst sich der Süchtige hingegen dann doch die nächste Dosis, explodiert das System. Am Ende ist es ziemlich gleich, was sie tun. Ob der Zerfall der Währung nun mit einer Deflation oder Katastrophenhausse einhergeht, ändert nichts daran, dass der Wert aller Papierwährungen wieder auf null zurückkehrt. Wenn dann dazu in den Medien wieder so eine Meldung erscheint, dass sich Menschen um Goldschätze längst vergangener Tage streiten, ist wieder klar, welches Zahlungsmittel seinen Wert behält.

Um vermodertes Papier schlägt sich dann doch niemand.

 
Bildquelle: Lupo / pixelio.de


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