Links, rechts? – Oder freiheitlich?

Dank der Diskussion um das neue Buch von Akif Pirinçci in der „Zeit“ habe ich einen neuen Begriff kennen gelernt: rechtslibertär. Als rechtslibertär werden dort Pirinçcis Herausgeber Andre Lichtschlag sowie dessen Zeitschrift „eigentümlich frei“ bezeichnet. Eine interessante neue Wortschöpfung der klugen Köpfe in der Redaktion dieser Zeitung. Dachte ich. Aber: weit gefehlt. Eine kurze Recherche im www zeigte, dass der Begriff „rechtslibertär“ bereits durchaus verbreitet ist. Und zwar ganz in dem Sinne, wie er auch zuletzt von der Zeit verwendet worden ist. Als vor allem „rechts“ und damit der heute üblichen political correctness widersprechend, tendenziell gefährlich und wie alles, was klar „rechts“ eingeordnet wird, tendenziell mit einer Nähe zur Nazi-Ideologie.

Von letzterer möchte ich mich klar distanzieren. Von Andre Lichtschlags Zeitschrift habe ich dagegen eine sehr hohe Meinung. Das scheint widersprüchlich. Der Grund könnte daran liegen, dass das Spektrum von politischen Positionen im allgemeinen als ein zweidimensionales rechts-links-Schema verstanden wird. Um den Begriff „rechtslibertär“ zu untersuchen, stellt sich also zunächst einmal die Frage, was denn eigentlich mit „rechts“ gemeint ist. Als mehr oder weniger rechts gelten heute so ziemlich alle Positionen, die Akif Pirinçci in seinem Buch vertritt – beispielsweise das Befürworten der traditionellen Familie, die Ablehnung der Homo-Ehe, eine kritische Betrachtung von Zuwanderung oder Kritik an den vielfältigen geschlechtlichen Gleichstellungsbemühungen. So gesehen ist die Einordnung von Pirinçci, Lichtschlag sowie allen, die ihnen da zustimmen, als „rechts“ absolut nachvollziehbar.

Interessant ist, dass als rechts – als der Gegenpol zu links – ja ursprünglich mal die Positionen von CDU und FDP bezeichnet wurden. Niemand würde diese Parteien heute aber noch so nennen, oder? Denn zum einen haben CDU und FDP sich bei den allermeisten Themen inhaltlich stark den linken Parteien angenähert. U.a. bei den eben genannten Themen. Und andererseits hat der Begriff „rechts“ eine Verschiebung seiner inhaltlichen Bedeutung hin zu „rechtsradikal“ erfahren. Wobei es diese Steigerung natürlich auch weiterhin gibt. Rechtsradikal, und damit eben auch „rechts“, gelten als gefährlich, menschenverachtend und sind damit abzulehnen.

Es fragt sich also weiter, warum das so ist und was die inhaltlichen Gründe dafür sind. Es ist ganz offensichtlich die Nähe zur Nazi-Ideologie, die hier zahlreiche Parallelen zu Pirinçci aufweist. Aber sind es tatsächlich Familiensinn, Distanz zu Homosexualität und das Voranstellen eigener nationaler Interessen vor denen von Zugewanderten bzw. potentiellen Zuwanderern aus anderen Ländern, wegen denen die Nazis so gefährlich waren? Und damit möglicherweise Pirinçci gefährlich sein oder werden könnte?

Für mich heißt es hier: Nein. Das Problem ist doch vielmehr gewesen, wie die eigenen Werte und Interessen durchgesetzt worden sind und wie mit anders denkenden Menschen umgegangen wird. Und hier war das Nazi-Regime geprägt durch Null-Toleranz gegenüber bestimmten gesellschaftlichen Gruppen, durch ethnische Säuberungen, durch das Verbot von anderen Meinungen und deren Verbreitung, durch Verfolgung bis hin zur Ermordung Andersdenkender, durch die generell vielfach gewaltsame Durchsetzung der eigenen Interessen sowie durch den Eingriff des Staates in nahezu das gesamte Leben der Menschen. Zusammenfassend lässt sich sagen, dass der Mensch unter solchen Bedingungen in höchstem Grade unfrei war. Einen solchen Staat bezeichnet man als totalitär. Und ein solches System ist brutal, menschenverachtend und verwerflich. Sehr berechtigter Weise haben die Menschen und die heutige Gesellschaft ein großes Interesse daran, solche Zustände für alle Zukunft auszuschließen und zu vermeiden. Soweit also die Kritiker des Kritikers Pirinçci in allen Ehren.

Wenn die wesentlichen Eigenschaften des Nazi-Regimes wie oben beschrieben gewesen sind und man heute vor „rechten“ Tendenzen, die in eine ähnliche Richtung streben, Angst hat, ist das absolut verständlich. Dazu muss man diese gesellschaftlichen Strömungen aber allenfalls sekundär nach ihren inhaltlichen Positionen beurteilen. Primär dafür nach ihrem Verhältnis zur Toleranz, zum Umgang mit anders Denkenden und zur individuellen Freiheit untersuchen. Die Antwort dazu haben die Libertären bereits in ihrem Namen. Eindeutig und zweifelsfrei. Libertär bedeutet freiheitlich. So viel Freiheit für den einzelnen wie möglich. So wenig Staat, staatliche Regelungen und Eingriffe wie möglich. Das absolute Gegenteil der Nazis. Das sind die wesentlichen Inhalte, die Akif Pirinçci und Andre Lichtschlag genauso vertreten wie Friedrich August von Hayek, Ludwig von Mises, Hans-Hermann Hoppe, Roland Baader, Oliver Janich und viele, viele andere.

Ein libertär eingestellter Mensch gönnt jedem anderen sein Bio-Hähnchen oder seinen veganen Lebensstil, seine Solaranlage, sein Glauben an einen CO2-bedingten Klimawandel, seine Bevorzugung gleichgeschlechtlicher Partnerschaften oder der Bevorzugung von Frauen, seine Spenden zur Unterstützung von Migranten oder die Aufnahme solcher Menschen in sein Haus. Diese Liste ließe sich nahezu endlos fortsetzen. Der libertäre Mensch versteht und akzeptiert darüber hinaus jegliche Aktivitäten, um andere Menschen von den eigenen – ökologischen, religiösen, gesellschaftlichen, sexuellen … – Ansichten zu überzeugen. Es ist völlig normal, dass man Themen und Werte, die einem wichtig sind, verbreiten möchte.

Der libertär eingestellte Mensch ist aber der Meinung, dass jegliches Verhalten auf einer freiwilligen Basis beruhen soll und er lehnt daher jeglichen Zwang ab. Ganz im Gegensatz dazu, dass der Libertäre von – linken – Journalisten und Politikern als „rechts“ bezeichnet wird, sieht der Libertäre rechte Tendenzen im Sinne von Intoleranz und gewaltsamer Durchsetzung der eigenen Interessen bei den heutigen Linken. Von Links wurden harmlose Glühbirnen verboten und damit große Konzerne, die giftige Quecksilberlampen herstellen, unterstützt. Von (Mitte-)Links wurde den Menschen über Steuern immer mehr von ihrem Eigentum entwendet, um es zur Rettung bzw. Subvention von reichen Finanzkonzernen einzusetzen. Von Mitte-Links wurde den Menschen über noch mehr Besteuerung immer noch mehr von ihrem Eigentum entwendet, um andere Staaten zu unterstützen – was einen Bruch des Maastrichter Vertrages darstellt und damit illegal ist.

Von Links wurde über immer mehr Regelungen und Vorschriften sowie immer höhere Lohnnebenkosten der Trend zu Rationalisierung und Verlagerung von Arbeitsplätzen ins Ausland massiv gestärkt. Von Links wurde anschließend die dadurch gestiegene Zahl der auf staatliche Unterstützung angewiesenen Menschen durch die sogenannten Hartz-IV-Regelungen erheblich schlechter gestellt. Von Links wie von allen in den Parlamenten vertretenen Parteien (ich glaube, mit Ausnahmen bei den ganz Linken) wurde die Honorierung der eigenen politischen Tätigkeit aus den Bürgern über Steuern entwendetes Eigentum in fast jeder Legislaturperiode massiv und weit über Inflationsraten und durchschnittlichen Lohnzuwächsen erhöht.

Mit klarer Zustimmung von Links wurden immer mehr Kompetenzen und immer mehr Macht an die EU übertragen, die dort insbesondere von einer nicht demokratisch gewählten Kommission ausgeübt werden. Mit deutlicher Unterstützung von Links wurden deutsche Soldaten in mittlerweile zahlreiche Kampfeinsätze im Ausland geschickt. Von Links, wo Toleranz und insbesondere auch finanzielle Unterstützung für Migration, geschlechtliche Gleichberechtigung, Homosexualität und vieles andere gefordert wird, schien bisher jegliche Toleranz für Menschen mit traditionellen Werten zu fehlen. Mit anderen Worten: die vielgepriesene Toleranz war auf wenige Bereiche beschränkt. Oder: die angebliche Toleranz fehlt komplett, da es sich lediglich um klar definierte Werte und Positionen handelt und gegenüber gegenteiligen Positionen ihrerseits intolerant und diskriminierend ist.

All diese Maßnahmen der sogenannten Linken, die in der aktuellen öffentlichen Diskussion als politisch korrekt und somit „gut“ gelten, haben eindeutig eine gewisse Nähe zu der Art, mit der der Nationalsozialismus seine Interessen durchgesetzt hat. Interessant und bemerkenswert in diesem Zusammenhang ist, dass der Nationalsozialismus ja zunächst einmal auch ein Sozialismus war – der Sicherheit, Arbeit, gerechten Lohn und eine gute Gesundheitsversorgung für alle Menschen wollte. Der Nationalsozialismus hat seine Wurzeln also ganz klar – auch (!) – links. (Eine andere, ebenfalls spannende Frage ist dann, warum seine Anhänger Nazis heißen und wer diesen Begriff eigentlich eingeführt hat. Wo doch die Bezeichnung „Nasos“ sprachlich wie inhaltlich viel naheliegender wäre.)

Dankenswerterweise können wir diese Diskussion heute – anders als in den 1930er und 40er Jahren – öffentlich führen, auch wenn sie bisher im Wesentlichen in Büchern, Zeitschriften und auf Webseiten abseits der großen Medien verbannt sind. Wenn diese Tendenzen zu immer mehr Sozialismus mit allen seinen Schattenseiten heute von einer breiten Öffentlichkeit kaum wahrgenommen oder gar abgestritten werden – während Autoren wie Roland Baader die Fortsetzung dieser Entwicklung bis zu einem totalitären (europäischen) Staat oder einer totalitären Weltregierung als nahezu unvermeidbar bezeichnen – verwundert es weniger, dass es in den 1930er Jahren keinen nennenswerten Widerstand gegen den Nationalsozialismus gab. Auch damals haben – zumindest in den Anfängen – die meisten Menschen vermutlich wenig vom gewaltsamen Vorgehen mitbekommen und konnten sich eine Entwicklung zu dem derartig gewaltsamen späteren System nicht vorstellen.

Sie haben ihr unmittelbares Umfeld als weitgehend harmonisch erlebt und sich als weitgehend ohne Einflussmöglichkeiten auf die politischen Entscheider wahrgenommen. Sie waren mit ihrer Arbeit, ihrer Familien und ihrer sozialen Umgebung beschäftigt – um nicht zu sagen: weitgehend abgelenkt, wie auch heute. Sie wurden von den Medien in diesem Denken und Verhalten bestärkt. Und auch damals war der Himmel blau, die Sonne warm, Luft und Wasser vermutlich noch reiner und klarer als heute. Ebenso gab es Freundschaft und Liebe unter den Menschen. Alles in allem: das Leben war schön und lebenswert und man konnte sein Leben weitgehend genießen, auch wenn manche politische Entwicklung vielleicht etwas komisch war. Aber was sollte und konnte der Einzelne da schon tun?

Zurück zur Frage aus der Überschrift. Links? Rechts? Oder freiheitlich? Nach den hier ausgeführten Betrachtungen scheinen links und rechts sehr viel weniger widersprüchlich zu sein, als es heute im Allgemeinen in der Öffentlichkeit vermittelt wird. Es handelt sich wie eingangs bereits angedeutet lediglich um die Gegenpole einer zweidimensionalen Betrachtungsweise. Das Leben, die Wirklichkeit, unserer Realität sind aber weit mehr als zweidimensional. Sie sind dreidimensional. Mindestens. Die Pole dieser dritten Dimension heißen „frei“ und „unfrei“. Dabei gibt es „frei-links“ (mit vielleicht ökologischen, veganen, homosexuellen oder anderen Positionen) ebenso wie „frei-rechts“ (mit beispielsweise einer Bevorzugung traditioneller Werte). Beides hat seine Berechtigung. Solange es alles in Freiheit geschieht und den jeweils anders Denkenden die Freiheit dazu und zu einem anderen Verhalten lässt. So betrachtet könnte man dann sogar auch den Begriff „rechtslibertär“ neutral oder positiv verstehen. Meinen herzlichen Dank an die „Zeit“ für die Anregung zu diesen Überlegungen.

Bildquelle: winlili / pixelio.de


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2 Kommentare

  • Antworten April 28, 2014

    portnoy

    Beim Versuch mich politisch selbst zu verorten sind mir ohne großes Nachdenken die gleichen Gedanken gekommen. Zu Zeiten der späten Weimarer Republik mag die Klassifizierung der politschen Landschaft anhand der Dimension Links-Rechts abgesichts der Mehrheit der Vertreter dieser Positionen angemessen sein, zumal libertäre Stömungen in der Minderheit waren. Wesentlich heute scheint mir auch zuerst die Dimension Freiheitlich/Individualistisch versus Sozialistisch. Das Feintuning kann man danach mit Links-Rechts vornehmen.
    Guter Artikel, klar und einfach formuliert.
    Die 4 Extrempunkte der zwei Dimensionen würde ich so einordnen:
    Freiheitlich-Links: Anarchismus
    Freiheitlich-Rechts: liberales Bürgertum
    Sozialistisch-Rechts: Nazionalsozialismus, Faschismus
    Sozialistisch-Links: Sozialismus, Kommunismus

  • Antworten April 28, 2014

    Christ

    Nur die Wahrheit wird Euch befreien (Copyrighht Jesus von Nazareth):

    Die größte Lebenslüge aller, die sich als Linke sehen, liegt darin, daß die nationalen Sozialisten eben zuerst Sozialisten waren, wozu es auch reichlich eindeutige Aussagen führender „Nazis“ gab.

    Und daß sie vom selben satanischen Geist stammen wie die Linken, dem des praktizierenden Satanisten Karl Mordechai Levy Marx (wir sollten bei den Echtnamen bleiben und nicht z. B. aus einem Joseph Davod Dschugaschvili den erlogenen „Stalin“ machen).

    Dies zu verschweigen oder wider alle Beweise gar zu leugnen, das ist die zweite große Lüge aller Linker.

    Das Kampfwort „Nazi“, das verbal allenfalls auf „NAtional-ZIonisten“ passen würde (eine weitere Variante von [blauen] Sozialisten neben roten und braunen), wurde erfunden, damit die Linken von ihren eigenen, noch viel größeren Verbrechen (> 100 Mio ermordete Opfer) ablenken können.

    Leider übernimmt die Masse der Menschen diese erlogene Terminologie, die von den größten Verbrechern ablenkt, die heute noch in Parlamenten sitzen (Reichstag) und sogar regieren.

    Leider sind die meisten Menschen so dumm, daß sie auf diese billigen Tricks des „dividere et impera“ hereinfallen.

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