Europäische Krise

Wieder einmal sind die Zeiten nah, welche die Seelen der Menschen prüfen. Wieder einmal dient eine selbst verschuldete Krise als Vorwand die Rechte und Freiheiten der Menschen in den Staub zu treten. Die Tyrannis kommt einmal mehr die Menschen zu knechten – dieser Tage nicht in Stahl sondern in Samt gehüllt!

Wie viel einfacher ist es doch Menschen dazu zu überreden ihre Ketten selbst anzulegen, als sie eigenhändig gewaltsam in diese schweren Eisen schlagen zu müssen! Unter dem samtenen Umhang der Demokratie wird jede noch so unrechte Maßnahme geltendes Gesetz. Der behexte Bürger glaubt, dass die Gruppierung, welche ob ihrer größten Zahl als Sieger aus einer Keilerei hervorgeht, durch diesen Sieg auch ins Recht gesetzt wird. Er glaubt, dass die Freiheit alles zu tun was die Gesetze erlauben, tatsächliche Freiheit ist. Nichts könnte falscher sein!

Einzig jenes Handeln, dessen Maxime ein allgemeines Gesetz sein könnte, ist Recht. Zu erkennen was Recht ist und entsprechend zu handeln ist Freiheit. Recht in Gesetz zu gießen ist Demokratie. Recht, Freiheit und Demokratie zu vereinen heißt: ein vollendetes Gemeinwesen schaffen.

Die Krise, die wir erfahren, ist eine Europäische Krise. „Europäisch“ meint aber keineswegs die geographische Eingrenzung, denn die Ursache unserer Krise ist vielerorts zu finden. „Europäisch“ meint auch keineswegs die wie eine krankhafte Wucherung wachsende Europäische Union, deren Ranken und Wurzeln inzwischen in jeden noch so privaten Winkel unseres Lebens kriechen. Diese ist lediglich eine Konsequenz der eigentlichen Ursache. Es meint vielmehr eine Krise des ursprünglichen europäischen Zeitgeistes, der ursprünglichen europäischen Werte. Der Liberalismus scheint auf dem Rückzug. Seine Legionen scheinen so schwach wie selten zuvor. Aber der Schein trügt. Das Volk ist bereits auf dem Weg der Besinnung. Es zeigt sich in zahlreichen Belangen bereits mehrheitlich skeptisch gegenüber dem Staat und dem Wuchern seiner Institutionen. Diese unterbewusste Skepsis gilt es zu nähren und mit Bewusstsein und Verstand zu unterfüttern! Jene liberalen Ideen, die wir glauben aufwändig wieder einführen zu müssen, haben ihre lange Reise hier begonnen: in Europa. Es bedarf einzig der Rückbesinnung auf diese Ideen. Der Rückbesinnung auf das ursprüngliche Europa.

Ein guter Europäer zu sein, das scheint heute von einer Bedeutung erfüllt zu sein, die man sonst einzig in einem Schimpfwort zusammenfassen könnte. Wen vermag dies auch zu verwundern, betrachtet man jene zutiefst korrupten und selbstgerechten Strolche, welche sich heute mit diesem Titel bekleiden. Ein guter Europäer zu sein, das scheint heute zu bedeuten, dass man seine Freiheit zugunsten eines unkontrollierbaren, übernationalen Molochs aufgibt. Der heutige Zeitgeist ist einer der Obrigkeitshörigkeit, der Apathie, des alternativlosen Erduldens. Ein Zeitgeist der „Wie kannst Du so etwas sagen?“-Vorwürfe und der „Wie kannst Du nur so denken?“-Anschuldigungen. Es ist ein Zeitgeist der selbst verschuldeten Unmündigkeit.

Europa hört auf zu sein was es einst war und wird was es niemals sein sollte: ein Hort der Tyrannei. Plötzlich scheint verbrecherisch was stets als frei galt: das eigene Denken.

Der Gedankenverbrecher geht um. Aber wer ist es? Jener der jedem Gedanken folgt, wohin er ihn auch führen mag und diesen dann kraft seiner Vernunft bewertet, oder jener der bereits weiß wohin ihn sein Denken zu führen hat und der sich deshalb jede freie Assoziation verbietet? Jener der sich traut die korrekten Fakten auszusprechen, oder jener der die Fakten zuvor durch das feinmaschige Sieb seiner speziellen Auffassung von Korrektheit gibt? Jener, der Argumente nicht nach der Zahl ihrer Unterstützer, sondern nach dem Gewicht der ihnen innewohnenden Vernunft wiegt, oder jener der unbedacht und pathetisch in jede erschallende wohlklingende Parole einstimmt?

Die Freiheit ist ein steter Kampf und jener, der im Glauben frei zu sein, aufhört für seine Freiheit zu kämpfen, der beweist dadurch einzig seine Unfreiheit. Wir alle lieben die Freiheit, aber wir vergöttern den Frieden. Wir verehren ihn so sehr, dass wir uns sogar die Folterinstrumente der Tyrannei vorführen lassen ohne aufzubegehren. Die Gesetze präsentieren sie schon wider jedes Recht: Die Machtmittel die heute noch in der Scheide ruhen, aber schon morgen blank gezogen werden können. Wir erdulden größtes Leid bevor wir im Kampf für unsere Freiheit endlich unsere Ketten sprengen und die Waffe ergreifen. Allen sei es stets bewusst: Extremismus in Verteidigung der Freiheit ist niemals eine Schande – aber Toleranz im Angesicht der Tyrannei ist niemals eine Tugend!

Das gewaltsame Ungetüm Staat muss in Ketten liegen, damit der Mensch frei sein kann. Die Herrschaft war jeher am schwächsten, wenn ihre Gewalten damit beschäftigt waren sich gegenseitig zu bekämpfen. Gesellschaften waren stets am freiesten wenn die Institutionen der Herrschaft dergestalt getrennt und gegeneinander gerichtet waren, dass sie ihre Macht im steten Kampf miteinander aufrieben, statt sie in Einigkeit gegen das Volk führen zu können.

Frei zu sein, das heißt nicht nur frei vom willkürlichen Zwang anderer zu sein, frei zu sein an Wahlen und Abstimmungen als Wähler wie als Kandidat teilzunehmen, es heißt auch und in erster Linie: frei zu denken. Frei zu denken heißt skeptisch gegenüber Macht und ihrer Konsolidierung zu sein. Denn auch wenn die Herrschenden die größten Bedrohungen des Gemeinwesens jenseits der Grenzen des eigenen Herrschaftsbereiches oder gar in den Rängen des eigenen Volkes wähnen, so sind es doch stets jene, die das Zepter der Herrschaft führen, die, bald im Geheimen, bald unverschämt öffentlich, das Gemeinwesen korrumpieren. Sie sprengen die Ketten des Titanen Staat, die ihm in weiser Voraussicht angelegt worden sind und missbrauchen seine Macht nach ihrem eigenen Gutdünken.

Allzu leicht lassen wir uns in der Masse durch die Mittel der Demagogie manipulieren. All jene schönen Floskeln, wie die der „Volkssouveränität“, sind das weiche Bett in dem das Volk seine Vorsicht, seine Skepsis gegenüber Macht, kurz: sein Freies Denken zur Ruhe betten soll. Es soll verschleiern, was immer war und immer sein wird: dass unabhängig vom System der Regierung, dem Modus der Wahl und der Einrichtung der Volksvertretung, immer die Ausübung von Herrschaft im Zentrum des Problems steht. NIEMALS ist es das Volk welches herrscht, sondern stets eine kleine Elite. Diese wird immer nach der Konsolidierung und Ausdehnung ihrer Macht streben. Der offensichtliche Schluss, die Herrschaft abzuschaffen, muss zwangsläufig in der Katastrophe enden. Denn die Herrschaft ist dem Wesen des Menschen und damit dem Wesen der durch ihn errichteten Gesellschaften von Natur aus gemein. Die Abschaffer der Herrschaft werden damit einzig die neuen Herrscher – und da sie die Gerechtigkeit und Wahrheit auf ihrer Seite wähnen, oftmals willkürlicher und grausamer als ihre Vorgänger.

Die tatsächlich daraus zu ziehenden Schlüsse sind selbstevident: Die Herrschenden dürfen niemals die Gelegenheit erhalten ihre Macht zu konsolidieren. Abgesehen vombehutsam und sorgfältig auszubalancierenden System von „Checks und Balances“ in den Institutionen des Staates, kann es einzig das bewusste und aufgeklärte Volk sein, das in stetem Misstrauen die Herrschenden niemals einfach gewähren lässt. Wir opfern wir ohne Aufbegehren unsere Freiheit zugunsten unserer Sicherheit, einzig aus Liebe zum Frieden. Doch die Liebe zur Freiheit muss über die Liebe zum Frieden triumphieren! Es gibt keine Konkurrenz zwischen Freiheit und Sicherheit: Freiheit ist Sicherheit!

Keinen Finger dürfen unsere Herrscher rühren können ohne dass sie unsere Kritik zu spüren bekommen. Kein Federstrich darf ohne unser allgegenwärtiges Misstrauen gemacht werden. Und wir müssen gewappnet sein, eher tapfer durch das Schwert eines Tyrannen umzukommen, als uns kriecherisch seiner Willkür zu beugen. Denn die erste Bürgerpflicht, die Pflicht eines jeden freien Menschen, ist der Tyrannenmord. Und so muss der Wahlspruch des wachsamen Volkes stets lauten: Freiheit oder Tod!

Vor uns liegen Zeiten der Unwägbarkeiten, der Unvorhersehbarkeiten. Womöglich Zeiten der Unterdrückung oder Anarchie. Zeiten, in denen die Willkür Einzelner das Recht gänzlich verdrängt. Gesellschaften kommen und gehen, und seien sie gut oder schlecht, so sind sie doch alle von Menschenhand geschaffen. Jeder Mensch wird auf die Probe gestellt werden: Welchen Anteil hatte er am Verfall der alten Ordnung und an der Schaffung der neuen? War er eine Kraft der Freiheit oder der Knechtschaft? War sein Opfer auf dem Altar der Freiheit ausreichend oder nicht?

Die Tyrannis ist, wie die Hölle, mitnichten leicht zu besiegen: Doch bleibt uns jener Trost, dass der Triumph umso glorreicher ist, je schwerer der Kampf war. Was uns in den Schoß fällt, das schätzen wir gering. Nur ein hoher Preis verleiht einem Gegenstand seinen Wert und der Himmel weiß die Preise seiner Güter weise zu setzen; und so wäre es in der Tat wunderlich, wäre ein solch himmlisches Gut wie die Freiheit nicht teuer.


Bildquelle: © MACLEG – Fotolia.com


PDF Download im PDF-Format |


1 Kommentar

Antworten

Time limit is exhausted. Please reload CAPTCHA.