Kindliche Ungeduld und der Nanny-Staat

„Määää!“, schallte es undeutlich über den Tisch. Der Mund war voll. „Meeeeer!“ Lauter. Aber deutlicher. Der Mund war nun etwas leerer. Dafür die Wangen verschmiert. Hände und Ohren ebenfalls. „Mehr!“ Der Blick wanderte über den Frühstückstisch. „Brot!“ Der letzte Biss war noch nicht ganz hinuntergeschluckt, da wollte mein kleiner Sohnemann, dass ich erneut zum Brotmesser greife und schmiere, was das Zeug hält. Na gut. Wie könnte ich auch anders?

Während ich die nächste Brotscheibe belegte, den nächsten Genuss-Overkill präparierte, streifte ein flüchtiger Gedanke meine Synapsen. Kinder. Diese Ungeduld. Der Wohlfahrtsstaat. Das passt zusammen!

Wie es auch meine Kinder am Frühstückstisch kaum erwarten können, den nächsten erquicklichen Happen zu ergattern, hetzen die Menschen im Papiergeldsystem von einem Konsum-Happening zum nächsten. Je weniger sie dabei von der eigenen Hände Arbeit leben, desto seltener denken sie an Morgen. Wie das noch unreife Kind weisen sie eine sehr hohe Zeitpräferenz auf. Der Konsum in der Gegenwart ist ihnen wichtiger als eine Investition in der Zukunft.

Dahinter steckt Methode.

Der allzeit alles und jeden umsorgende Nanny-Staat und sein Wohlfahrtssystem transformieren den vernunftbegabten Erwachsenen wieder zum Kind. Dem vom Vater Staat umsorgten Untertan gelingt es nur mit Mühe, Bedürfnisse in der Gegenwart zurück zu stellen. Er misst dem Zeitpunkt der Befriedigung einen sehr hohen Wert zu. Ihm ist es wichtiger, wann er ein ersehntes Gut erhält, als wieviel er von diesem Gut erhält. Seine Sparneigung ist im Zuge dessen nicht sonderlich stark ausgeprägt. Er zeigt nur wenig Gespür für die Zukunft, für Anforderungen und Gefahren, die ihm erst in den kommenden Wochen, Monaten oder Jahren erwarten werden. Darin zeigt er sich dem Kleinkind nicht unähnlich.

Das Kleinkind erwirbt erst im Laufe des Lebens und seiner Erziehung die Fähigkeit, zukünftige Ereignisse vorherzusehen oder zu erahnen, sie einzuplanen oder die statistische Möglichkeit ihres Eintretens abzuwägen. Erst im Erwachsenenalter zumeist gelingt es den meisten Menschen ihre Zeitpräferenz anzupassen, um sich für zukünftige Ereignisse zu wappnen. Die Sparneigung steigt in Folge dessen.

Der Wohlfahrtsstaat sorgt jedoch dafür, dass sich selbst ehemals vernünftige Individuen wieder wie kleine Kinder benehmen, sobald sie in seine Fänge geraten. Warum sollten sie auch sparen, wenn am Monatsende wieder die nächste Papiergeldration wartet – zu wenig zum Leben, zu viel um zu sterben.

Hinzu kommt die vom Papiergeldfluss angeheizte Konsumkreditvergabe. Die Masse des Papiergeldes fließt mehr und mehr in Kredite, die meist nicht Investitionen sondern dem reinen Konsum dienen. Das Verhängnisvolle: Der Kreditnehmer fesselt sich dabei mit jedem neuen Kredit mehr und mehr an das eigene Hamsterrad, denn mit jedem Kauf auf Pump verpfändet er ein weiteres Stück seines zukünftigen Einkommens. Als Schuldsklave ist er zur Arbeit verdammt. Die Möglichkeiten zur individuellen Selbstverwirklichung und zum Streben nach Glück werden mit jedem Konsumkredit weniger.

Dahinter steckt böse Absicht.

Die Papiergeldjongleure missbilligen vernünftige Individuen. Sie lechzen nach kindlichen Untertanen. Denn nur diesen sind sie gewachsen. Nur dank kindlicher Naivität der bürgerlichen Beobachter können ihr demokratisches Gezänk und ihre politisierende Hybris als Ausgeburten einer vermeintlich freiheitlichen Gesellschaftsordnung erstrahlen. Ihre kindlichen Untertanen sind blind für den totalitären Wolf im demokratischen Schafspelz.

Doch das Hoffen auf die Zukunft ist keinesfalls vergebens. Unsere Kinder sind lernfähig. Treusorgende Eltern werden ihnen helfen. Ich für meinen Teil greife gerne zu den guten alten Märchen. Denn nicht nur in der Geschichte von Rapunzel, in der die Zukunft eines Mädchens für ein paar gegenwärtige Salatköpfe in die Hände einer Hexe gelegt wird, wird vor einer allzu hohen Zeitpräferenz gewarnt. Verheddern wir uns also nicht wie Rapunzels Prinz im Augenlicht stehlenden Dornengestrüpp. Bleiben wir sehend für die Wirrungen aus Papiergeld und staatlicher Wohlfahrt.

Bildquelle: © petrol – Fotolia.com


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