Neue Metaphern braucht das Land…

Bestehende Staats-Metaphern erschweren den Diskurs. Festhalten an alten Sprachbildern verzerrt unseren Blick für die Realität und schafft günstige Bedingungen für Zensur, Enteignung und Kriegstreiberei.

Die kleine Laura schreit laut „Mutti!“. Die Mama steht in der Küche und reagiert nicht. Sie weiß nämlich, dass sie nicht gemeint ist. Sie schaut auf die Uhr. Tatsächlich, es ist 20:06. Aus dem Wohnzimmer hört sie lethargisches Gestammel von Krise, Europa und irgendwas mit Kartoffeln. Die Mama weiß jetzt sicher, dass die Tagesschau läuft und die Kanzlerin mal wieder etwas zu sagen hat- oder in dem Fall mal wieder nichts.

Sie hört, wie jemand den Haustürschlüssel umdreht. Ihr Ehemann kommt heim. Sie muss schmunzeln. „Ob Angie den Staat wohl auch mit „Liebling“ ruft?“ denkt sie sich. „Er bringt immerhin das Geld heim.“ Wieso sich die Mutter zumindest einmal erinnern kann als sie von „Vater Staat“ gesprochen hat, weiß sie nicht recht. „Geld ins Haus bringt er zumindest nicht“, stellt sie beim Blick auf ihren morgigen Dienstplan fest.

Anstatt diese Geschichte weiterzudenken, erinnern wir uns doch auch mal. Welches Bild malen wir im Geist, wenn wir Vater Staat portraitieren?

Ich denke sofort an das „Vertrauen“, welches wir unseren Vertretern schenken sollen. Im Deutschland des 21. Jahrhunderts vielleicht ferner als andernorts, stoße ich dennoch auf „Vaterlandsliebe“ und „Staatstreue“. Ich denke an die andauernde Debatte über fehlende „Bürgernähe“. Und außerhalb meiner vier Wände bin ich angeblich noch immer im „Haus Europa“.

Je weiter ich dieses Bild male, desto makabrer mutet es an. Da sind der Vater und die Mutti, von denen ich abstamme, die ich liebe und ehre. Unser Zusammenleben im Elternhaus ist geprägt von Vertrauen und Treue. Dass sie Zeit mit mir verbringen und mir Nähe schenken, wünsche ich mir.

Oftmals bilden Sprachbilder einen für den Verstand leichteren Zugang zur Wirklichkeit. Das Herz, das bricht; die Musik, die aus der Seele spricht und die Leidenschaft, die brennt. Bilder, ohne die unsere Sprache ärmer wäre, da sie es schaffen, uns eine Welt vor Augen zu führen, die uns sonst verborgen bliebe.  Ein Bild sagt mehr als tausend Worte. Unser Familienfoto von vorher schreit aber genau zwei: „Wer’s glaubt!“

Die Kanzlerin ist vom Bild einer Mutter weiter entfernt als die Erzeugerin von Justin-Jeremy-Pascal aus dem RTL-Nachmittagsprogramm. Es heißt, dass eine Mutter immer Mutter bleiben wird – an dieser Stelle können wir aber hoffen, dass sie uns irgendwann zur Adoption freigibt. Sie wird immer Verständnis haben, Rat bieten, helfen, lieben und Geborgenheit bieten. Staats-Mutti hat aber kein Verständnis dafür, dass Du sie nicht bei jeder e-Mail ins CC nimmst. Sie hilft nicht Dir, sondern den fiesen Nachbarskindern von der Bank, die Dir den Gerichtsvollzieher ins Haus schicken. Und von Liebe kann kaum die Rede sein, wenn sie Dir eins draufgibt, sobald Du sie nicht bezahlen willst.

Vater Staat ist – wenn – dann der Vater, den ich niemandem wünschen würde. Er will auch dauernd Geld von Dir, Deine Brüder hat er rausgeschickt, damit seine Kollegen sie erschießen können und wenn Du mit irgendwas nicht einverstanden bist, wird er dich noch im Rentenalter zu Hausarrest verdonnern. Ach, und er hat dich vom Tag Deiner Geburt an teilweise enterbt. Geht alles an Deinen Stiefvater, der wohl genauso drauf sein wird. Na immerhin weißt du, was Papa seinen Lebtag versoffen hat. Seine Zeche zahlst nämlich Du.

Und von solchen Gestalten sollst Du „BürgerNÄHE“ wollen? Das ist Missbrauch und häusliche Gewalt! Bei solchen Unmenschen würde ich eine „BürgerEINSTWEILIGE-VERFÜGUNG“ fordern.

Diese Staats-Eltern verdienen Dein Vertrauen nicht, denn sie trauen Dir nicht einmal zu, einen leeren Browser Tab zu öffnen, ohne Dir dabei über die Schulter zu schauen. Von Treue kann keine Rede sein, denn diese Rabeneltern belügen Dich ständig – dabei strengen sie sich nicht einmal an. Was sollen also all diese sprachlichen Liebesbekundungen?

Eine Familien-, Eltern- und Vertrauensmetaphorik für den Staat zu verwenden ist der Realität diametral entgegengesetzt. Welcher Schaden entsteht, wenn Kinder mit diesen Sprachbildern aufwachsen, ist kaum einzuschätzen. Eine Generation von Politikverdrossenen? Eine Generation von Mundtoten? Eine Generation von Mittätern? Alles schon gehabt. Natürlich ist es nicht allein die Metaphorik, welche Verbrecher an die Macht bringt. Die Kontrolle von Sprachbildern bleibt aber ein Werkzeug indirekter Zensur.

Es fällt wesentlich schwerer, eine Angela Merkel zu kritisieren, denn: „Nix gegen meine Mutter!“.  Es ist schwerer, über das Für und Wider von Steuern zu reden, wenn ein Steuerflüchtling der Familie die Treue gebrochen – veruntreut hat. Und nicht die Waffe ergreifen zu wollen wird schwer, wenn jemand den eigenen Vater bedroht. All diese Metaphern sind Einfallstore für Bände an politischen Rechtfertigungen für Zensur, Enteignung und Krieg.

In einer Zeit, in der Staaten ihre Bürger 24/7 überwachen; planen, ihre Bürger grundlos zu enteignen und die einstmalige „Hochburg der Freiheit“, die USA, Jagd auf die eigenen Bürger macht, müssen wir uns neuer Sprachbilder bedienen.

Mein Vorschlag:

Der Staat ist wie Feuer.

Klein und kontrolliert mag er Dir Licht in der Nacht spenden, ein warmes Essen bereiten oder Dich im Winter warmhalten.

Aber breitet er sich aus und wendest Du ihm den Rücken zu, nimmt er Dir die Sicht, schnürt Dir die Luft ab und brennt Dich zu Asche.


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