Die Mitleids-Diktatur

Im Übereifer des Wettbewerbes ihre eigene Klientel vorteilhafter zu bedienen als ihre Kontrahenten, verrennen sich die Parteien immer tiefer in einen irrationalen und unbezahlbaren Sozialismus. Die Entwicklung eines Wohlfahrtstaates ist auch für die Zerstückelung der Gesellschaft in Aktivisten-Gruppen verantwortlich; wobei jeder dafür kämpft – auf Kosten einer anderen Gruppe – spezielle Privilegien zu erringen. Der einzelne Bürger, der nicht zu wenigstens einer dieser Gruppen gehört, verbleibt als sozialer Kollateralschaden.

Als Folgen einer gesellschaftlichen Fragmentierung wird – kurzfristig – die staatliche Macht gestärkt (nach Machiavellis Motto „Divide et impera”), allerdings auch die Vermehrung und Einfluss der Lobbyisten. Zum Zwecke der Obfuskation fraglicher politischer Aktionen und für den Parteienwettbewerb im Wahlkampf ist eine soziale Zersplitterung sicher von Nutzen. Für eine stabile Regierung hingegen, benötigt man einigermaßen homogene gesellschaftliche Interessen.

Die Gefühle und das ‘moralische Äquivalent des Krieges’

In einer zunehmend unzufriedenen Gesellschaft, erhebt sich das klassische Dilemma der Politik: Wie gewährleistet man den Zusammenhalt einer Nation, in Abwesenheit einer ernsthaften Bedrohung für ihre Bürger? Als Antwort auf dieses Problem prägte der amerikanische Philosoph William James (1842-1910) das Konzept von dem „moralischen Äquivalent des Krieges“.

Die Bedeutung darin liegt darin, dass es in Friedenszeiten der zivilen Version eines Schlachtrufes bedarf – also populistischer Parolen – um eine Bevölkerung auf soziale Ziele einzuschwören mit dem sich alle Beteiligten identifizieren können. Die bedeutendsten Begriffe, welche diesen Parolen Inhalt geben, sind Mitgefühl und Mitleid.

Die Ernsthaftigkeit der Kampagne wird durch martialische Begriffe betont: Es handelt sich um einen Kampf für die soziale Gerechtigkeit, man kämpft für die Unterprivilegierten und geht auf die Barrikaden für mehr Menschlichkeit. Widersacher werden schnell als Feind und Gegner markiert. Diejenigen, die sich nicht sofort hingebungsvoll in die „Schlacht der Humanität“ stürzen oder gar skeptische Argumente entgegenhalten, werden als kapitalistische Kollaborateure beschimpft und ins rechte Lager kaltgestellt: Der gefühlslose egoistische Kapitalismus muss ausgerottet werden. Also, wer kein Mitleid hat, verdient auch keines!

Dies klingt zwar fatal nach alttestamentarischer Ethik. Aber die progressiven Agnostiker haben sich aus ihrem „Lego der Begriffe“ ein modernes Wertesystem gebaut. Hier ein paar Steinchen Moral, dort passen ein paar Klötzchen christliche Nächstenliebe, noch einige politische korrekte Stützteile und obendrauf die Tarnkappe der vermeintlichen Vernunft.

Asylanten, Flüchtlinge, Minderheiten und jeder irgendwie „Bedürftige“ ist im Fokus dieser Gutmenschen. Aber: Wie schafft man den Sprung von einer unvermögenden Person – welche sich im täglichen Überlebenskampf nur auf sich selbst konzentriert und keinerlei staatliche oder private Almosen nimmt – bis zu dem wohlhabenden und großzügigen Spender, ohne Ansehen zu verlieren. In der Zwischenzeit gehört man jedenfalls zu den gefühllosen, inhumanen Egoisten.

Obwohl es sich um persönliche Gefühle handelt und Emotionen keinesfalls Werkzeuge der Erkenntnis sind, werden Mitgefühl und Mitleid, je nach politischem Bedarf, zu gesellschaftlichen Axiomen erhoben und mutieren durch ständiges Wiederholen und in Appellen zu greifbaren Werten mit bestimmbarer Größe.

Sozial-Aktivisten verlangen immer mehr und größere Almosen für die Unproduktiven und tadeln, dass ihren Gegnern dieses Mitgefühl fehle. Mitgefühl als solches kann natürlich keinen Grashalm wachsen lassen, geschweige denn eine einzige Kartoffel. Mitleid ist ein moralischer Begriff und moralische Fragen sind – für den total kantischen Intellektuellen – unabhängig von materieller Realität.

So glauben sie, es sei eine Aufgabe der Moralität Forderung zu stellen, welche die „Welt der materiellen Phänomene“ erfüllen müsse. Tatsächlich benötigt der Mensch Moralität um den richtigen Weg seines Lebens auf Erden zu entdecken; in dem System Immanuel Kants jedoch, bleibt die Moral getrennt von jeglichen Bedenken der menschlichen Existenz.

Es gibt dabei kein Monopol oder Patente auf die Menschlichkeit – sie ist Teil der Eigenschaften jedes Individuums. Gefühle wie z.B. Angst, Neid, Trauer, Zorn, Wut, Mitgefühl und Liebe sind selbst zunächst Werte-neutral, entstehen aber aus den persönlichen und kulturellen Wertesystemen und deshalb zu verschiedenem Grade.

Ein Mensch der denkt, dass jemand für seine Laster büßen sollte und nicht für seine Tugenden, wird weniger Neid für seinen erfolgreichen Nachbarn empfinden als jemand der nicht akzeptiert, dass Erfolg hauptsächlich das Resultat von produktiver Arbeit und Kreativität ist.

Die Vernunft dient nicht dazu Gefühle und Emotionen auszuschalten, sondern sie zu moderieren. Wer also „mehr“ Mitgefühl für eine bestimmte Gruppe fordert, verlässt den rationalen Bereich und begibt sich in die Unbestimmtheit der Willkür. Wenn also der moralische Wert des Mitgefühls mit dessen Anstieg proportional wäre, so besäße z.B. auch eine ungezügelte Liebe – welche in einem eifersüchtigen Mord kulminiert – das höchste moralische Prädikat! Dies ist die Reflektion der kantischen deontologischen Ethik. Jedes Gefühl birgt das Potential von Fluch und Segen, die Vernunft hingegen nicht.

Die Unverschämtheit der Gutmenschen liegt darin, ihre Werte anderen aufzuzwingen: „Ich nehme die Ungerechtigkeiten wahr, ich bin der Heilige, aber ihr seid die Gläubiger meiner Humanität und meiner Selbstgefälligkeit.“ Nach traditioneller protestantischer (inzwischen politisch korrekter) Ethik müssen Handlungen zugunsten anderer und der Allgemeinheit eben “gut” sein und werden somit durch Eigendefinition automatisch zum moralischen Standard erhoben.

Dieser Logik zufolge, hat man keine moralische Bedeutung, solange man keinen Akt der Selbstlosigkeit begeht. Diese Auffassung allerdings würde auch gleichzeitig die Basis-Rechte des Menschen annullieren. Das Recht auf eigenes Leben, seiner Selbsterhaltung und Eigentum, der Überlebenswille und Produktivität des Individuums müssten also unmoralisch schlechthin sein. Der Altruismus lässt nur eine Definition des Lebens zu, in der es nur entweder Opfer oder Parasiten gibt, also kein Konzept der wohlwollenden Koexistenz, und deshalb auch keine Gerechtigkeit.

Dies enthüllt die Enormität der moralischen Käuflichkeit, die damit verbunden ist – und das Versagen des Altruismus auf dem Felde der Ethik. Er ist die Kehrseite der gleichen Medaille auf der sich auch der nihilistische Egozentrismus befindet.

Das eine und einzige Wort welches die gesamte Moralität des Altruismus hinwegfegen kann ist: „warum?“ Warum sollte ein Mensch zum Zwecke eines anderen existieren? Warum sollte einer der beiden das Opferlamm sein und warum sollte solch ein Konzept „gut“ sein? In der gesamten Geschichte der Philosophie wurde nie eine irdische Erklärung dafür angeboten.

Die größte Schizophrenie besteht darin, dass der progressive Humanist, als feuriger Pluralist, selbstverständlich alles ablehnt, dem auch nur der Geruch „rechter Eugenik“ anhaftet: Dinge wie Klonen, Genmanipulation und Gleichschaltung stehen auf der Liste seiner Feindbilder auf oberster Stelle. Dennoch wünscht er sich eine „gefühlsvolle“ Gesellschaft, in der jeder die gleichen Emotionen in gleicher Stärke zeigt. Die Vernunft sollte da nicht im Wege stehen – außer sie wird dazu gebraucht um Neid, Missgunst, Hass und die Fähigkeit der Diskriminierung (also die bösen Gefühle) zu unterdrücken und einzig dem Mitgefühl und der Liebe Dominanz zu verschaffen.

Es ist eine Hauptaufgabe der Gesetzgebung die Emotionen seiner Bürger in den Grenzen zu halten, wo sie nicht die Freiheit und Rechte anderer verletzen. Mit der Manipulation von Gefühlen begibt sich der Staat auf eine fragwürdige emotionelle Beziehungsebene zu seinem Volk. Regierungen erhalten kaum konkrete Informationen darüber, inwieweit sich die geforderten Sympathien für eine Gruppe oder Mitgefühle für Minderheiten in latente Ablehnung oder Hass umkehren/könnten. Dies gehört zum Standard-Repertoire der Psychologie, nicht der Politik.

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